Dünnhäutig

Ein Erlebnis vor einigen Tagen hat mich wieder mal zum Nachdenken gebracht.

Mein Vater und ich waren miteinander Mittagessen, das haben wir während der letzten Jahre regelmäßig freitags gemacht. Mehr so nebenbei kommt von ihm der Text, ich sollte auf Mails von meinen Eltern doch bitte immer und zügig reagieren, damit sie wenigstens wüssten, ob sie angekommen sind.  Und ich fange an zu weinen.

Spontaner Eindruck: Da passt was nicht.

Der erste Punkt war mir sofort klar: Das Vermeiden von regelmäßigem Kontakt ist noch ein Erbe meiner Depression. Insbesondere den Leuten gegenüber, die immer wieder die gleichen Fragen stellen, die sich so dezent nach einer Berichtspflicht anfühlen. Und meine Arbeit ist immer noch nicht fertig und ich habe immer noch keinen Job, das wird davon nicht anders, dass ich es zum tausendsten Mal erzähle. Hm, wo ich es schreibe, weiß ich selbst nicht, was der Grund dafür ist – einerseits könnte mein Gegenüber einen Kommentar abgeben, der mich verletzt, andererseits reibe ich mir damit mein eigenes Versagen unter die Nase. Mein ärgster Kritiker bin ich immer noch selbst, auch wenn es nicht mehr so krass ist wie früher.

Zur Zeit beschäftigen mich außerdem einige Themen, die ich mit meinen Eltern nicht teilen will. Wie zum Beispiel das Thema Verhütung bzw. unser Sexleben. Das geht meine Eltern nix an, und eigentlich ist mir schon die Aussage „es geht mir nicht gut, aber über den Grund will ich nicht reden“ zu viel.

Und der zweite Grund liegt in der Person meines Vaters. Wenn ich überlege, finde ich keine Situation in der ganzen Zeit, wo er wirklich Verständnis und Empathie gezeigt hat. Klar, wenn ich heulend neben ihm stehe, versucht er mich in den Arm zu nehmen. Aber so richtig nachfühlen konnte er meinen Zustand nie, und seine Kommentare waren teilweise not helpful. Meine Erinnerung dazu: Ich spreche das Thema an, Weihnachten 2008, glaube ich, und er sagt nur: „Du hast doch keinen Burnout, dafür gehts dir doch viel zu gut.“ Ja nee, is klar. Nix wusste er  davon, wie es mir ging, aber besser wusste ers trotzdem. Grund 2b ist dann noch der Diskussionsstil meines Vaters, Modell Motz. Wenn man ihm widerspricht, selbst in sachlichem Tonfall und mit objektiver Begründung, ist spätestens seine zweite Äußerung laut und pampig. Und unterbewusst habe ich davor immer noch Angst. Ergänzt in hervorragender Weise durch die Angewohnheit meines Exmanns, nach einem Widerspruch mehrere Tage Psychoterror zu machen.

Frl. Stahldame, da haben Sie Ihre Altlasten noch nicht verarbeitet.

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7 Gedanken zu “Dünnhäutig

  1. Babbeldieübermama 12. November 2010 / 22:22

    Ich bin unschuldig, schließe mich den Ausreden meines Verteidigers an. 🙂

  2. Pauladieerste 12. November 2010 / 00:42

    Oh ja, manchmal fragt man sich wirklich…

    Dir eine festen Drücker!

  3. engelchenfiona 11. November 2010 / 20:12

    oh wie kommt mir das bekannt vor, jeder meint er wüsste es besser, aber keiner war dabei und hat erlebt was einem widerfahren ist

    fühl dich gedrückt

    fio

    • stahldame 11. November 2010 / 21:10

      Eigentlich bin ich ja froh, dass nicht alle diesen Zustand kennen. Trotzdem schaffens manche wesentlich besser als andere, damit umzugehen…
      *zurückknuddel*

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