Ratlos

Vorhin nach dem Training habe ich mich mit einer anderen Tänzerin unterhalten. Das war ein Gespräch, aus dem ich ziemlich ratlos herausgegangen bin.

Sie ist etwa so alt wie meine Eltern, wohnt in einer kleineren Stadt etwa 50 km weg von hier. Diese Frau hat eine nicht ganz marktgängige Ausbildung und ist daher zum wiederholten Mal auf Stellensuche. Da sie bei ihrer Mutter im Haus wohnt – die Dame ist Mitte 80 -, ist sie an ihren Wohnort gebunden, was die Jobsuche nicht erleichtert. Während unseres Gesprächs hat sie einiges über ihre Mutter erzählt. Nichts, was ich nicht in ähnlicher Form von meinen Großeltern kennen würde, aber alles Dinge, die einen auf Dauer unglaublich Nerven kosten. Z. B., dass die Mutter immer noch selbst die Leiter aus dem Keller holt und darauf hochkrabbelt, wenn sie etwas aus einem Oberschrank braucht, anstatt das ihre Tochter machen zu lassen. Sie ist schon einmal gestürzt, zum Glück hat der Oberschenkel damals noch gehalten.

Bei einer anderen Gelegenheit hatten wir uns schon mal darüber unterhalten, dass sie mehr als 10 Jahre an ihrer Promotion gearbeitet hat, ohne sie danach einzureichen. Zuerst war die Arbeit ihrem Doktorvater nicht gut genug, dann starb der, und zuletzt war sie selbst zu unzufrieden damit.

Nebenbei kamen heute noch zwei, drei andere Themen zur Sprache, wo sie vordergründig sehr rational argumentiert hat. Trotzdem kam sonnenklar durch, dass sie sich emotional sehr engagiert und dass ihre Standpunkte vorrangig durch eigene, einzelne schlechte Erfahrungen begründet sind.

Mir fiel etwas auf, das sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht: Mit dem Status Quo geht es ihr nicht gut, aber sie hat keine Möglichkeit, daran etwas zu ändern. Die Welt ist halt genau so, wie sie sie sieht, es lohnt sich nicht, dagegen etwas zu tun. Ihre Opferrolle ist fest zementiert, und sie selbst hat keinen Einfluss darauf.

Das hat mich dann sehr zum Widerspruch gereizt *lach* wer hätte es gedacht.
Ich stehe zu meiner Meinung genauso vehement wie sie zu ihrer: Fast keines der Dinge, die wir uns als Sachzwang verkaufen, ist wirklich ein echter Sachzwang. Zu 99% haben wir selbst die Hoheit über unser Leben. Wir entscheiden, ob wir uns für unser Pflichtgefühl opfern und ob wir uns von unseren schlechten Erfahrungen abschrecken lassen. Oder ob wir unsere schlechten Erfahrungen überwinden und für unsere Lebensweise kämpfen.

Ich gehöre eindeutig zur zweiten Sorte Mensch. Das ist vielleicht nicht der einfachere Weg, aber für mich ist es der richtige.

Besagte Frau hat ihre Schicksalsergebenheit übrigens damit begründet, dass ihre Mutter ja schon 85 wäre. Die paar Jahre hält sie jetzt auch noch durch.

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