Der Blues

Mein Chef hatte heute den Projektblues. Ich verdränge seit einiger Zeit ganz gut, dass ich mir nicht sicher bin, am jeweils nächsten Tag noch das Gleiche machen zu dürfen wie die Tage vorher. Schließlich bin ich Projektleiterinbearbeiterin (-leiterin wäre EG12, deshalb bearbeite ich nur), und mein oberster Chef und Auftraggeber ist seit Monaten „krank“ oder „im Urlaub“. Heute war er mal wieder da, sieht besser aus  als jemals vorher, bildet sich in allem Möglichen fort und sitzt solange zwei Stunden am Tag in seinem Büro, bis das Irrenhaus sein Abfindungsangebot nachbessert. Dem Mann gehts blendend, uns nicht unbedingt. Schließlich würden wir in diesem Irrenhaus gerne in Ruhe arbeiten.

Stattdessen bauen wir Zwei-Folien-Präsentationen für BWLer, stellen uns mit Personalerinnen gut und üben uns im Schönsprechmodus, bis ich tatsächlich fürchte, dass uns demnächst die Zungen abfaulen, so verlogen klingt der managementtaugliche Laberkram.

Aber so muss das wohl sein in Firmen, denen es nicht gut geht. In denen der Personalbereich aktuell ungewöhnlich viele Listen zu bearbeiten hat. In denen ein globaler „Die Geschäftsführung lässt sich von allen Projektleitern erzählen, was sie mit seinem Geld so anstellen“-Tag als Erstes Streichkonzert betitelt wird. Und in denen gestern eins der zentralen Entwicklungsprojekte mal eben so beiläufig vom OberBWLer gestrichen wurde. Die Teile kaufen wir in Zukunft zu. Ist ja nur unser größter Fertigungsbereich und das, was uns von der Konkurrenz unterschieden hat.

Da ging heute meinem Chef die Contenance doch etwas verloren. Das hat unsere Kolleginnen schon mal völlig überfordert, für mich ist es meistens okay. Primär macht er sich Sorgen um meine Zukunft, mit der Begründung, er hätte mich ja aus meiner „sicheren Stelle“ im alten Bereich abgeworben. Als ich ihm da energisch widersprochen habe, hat er ein bisschen blöd geschaut 🙂 Klar, ohne ihn würde ich nicht das tun, was ich gerade tue – ich wäre aber auch schon längst in einem anderen Irrenhaus. Und ob das wirklich besser wäre, keine Ahnung. Schließlich arbeite ich gerne mit ihm zusammen, und ich mag das, was ich tue. Wenn das so bleibt, kann der Rest ruhig spinnen.

Ab und zu hab ich die Krise, heute war er mal dran. Solange wir uns abwechseln und nicht gleichzeitig austicken, geht das auch noch.

Dass vermutlich mal wieder ein Rückenwirbel draußen ist, ist da eher eine unwesentliche Randnotiz. Finalgon rules.

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2 Gedanken zu “Der Blues

  1. Babbeldieübermama 25. Januar 2013 / 04:20

    Sei doch froh, wenn du morgen nicht das Gleiche wie heute machen müssest. So würde dein Job wenigstens nicht langweilig. Obwohl, in diesem Irrenhaus gibt es wohl genug Unruhe. 🙂

    • stahldame 25. Januar 2013 / 15:24

      Naja, ich hab jetzt ein Jahr gerechnet und geplant und bin exakt an dem Punkt, wo ich zum ersten Mal ein Teil in die Hand nehmen würde. Endlich Versuche machen, was aufbauen und messen. Da aufzuhören ist blöd.
      Teil 2 stimmt absolut.
      Wir werden sehen, Infos gibts nicht vor Montag.

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