Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen macht eine Aktion, und ich mache mit. Zumindest heute mal.

Kurzfassung: Schlafen, Aufstehen, Arbeiten, Heimgehen, Schlafen.

Langfassung: Puh.

Morgens um sieben vibriert das Handy unbarmherzig. Der Dr. rer. nat. ist schon weg, heute war er zwar „erst“ kurz vor sieben in der Arbeit, dafür kam er auch erst um halb sechs zurück. Ich werfe als erstes die Kaffeemaschine an und schlappe unter die Dusche. Was Warmes (weil draußen kalt), aber im Zwiebellook (weil heute Fertigung, also mal mit, mal ohne Kittel) anziehen. Frühstück in der Küche, mit Radio und Smartphone – ersteres für die Nachrichten, zweiteres für den Wetterbericht. Schnell noch die Spülmaschine leermachen, Zähneputzen, Haare machen, schminken.

Auf dem Weg in die Arbeit bin ich gedanklich schon dort – meine zwei Serien von Versuchsaufträgen muss ich heute als erstes kontrollieren. Groupwise gibt mir recht: vier automatisch verschickte Erinnerungen, dass die zugehörigen Aufträge im Sperrregal stehen. Okay, zuerst muss ich mir die Röntgenbilder davon ansehen, um sicherzugehen,  dass alle Teile gut sind, dann kann ich die freigeben. Das wird wohl erst am Nachmittag klappen, vormittags ist Betriebsversammlung. Die andere Auftragsserie ist schon ein paar Schritte weiter und steht im dritten Stock. Ich erzähle dem Anlagenbediener kurz, warum die Teile numeriert sind (ja, das ist wichtig, ja, für dich, genau, bitte in dieser Reihenfolge messen). Dann wirds auch Zeit – raus aus der Fertigung, Überschuhe und Haarehaube in den Müll, Kittel ausziehen und aufhängen, Strickjacke wieder überziehen. Unter dem Kittel lasse ich die nicht an, sonst schwitze ich nur noch.

Die Betriebsversammlung ist in diesen Zeiten Pflichttermin für mich und viele Kollegen. Etwa 300 haben Sitzplätze, noch einmal so viele stehen hinter den Stühlen und im Gang. Betriebsrat und Geschäftsführung führen ihr gewohntes Streitritual durch, viel kommt dabei nicht rum. Die Umstrukturierung droht immer noch, es gibt wenig konkrete Informationen, angeblich, weil die Geschäftsführung noch nicht so weit ist. Kann man glauben oder auch nicht. Die Veranstaltung dauert von 9:45 bis 11:30, eine Kollegin fasst es am Ende treffend zusammen:“Viel geredet, nichts gesagt.“ Die einzige verwertbare Info ist die, dass ab April wieder die alte Betriebsvereinbarung zum Gleitzeitrahmen gilt. Wir müssen unser Stundenkonto nicht mehr im Minus halten, sondern haben wieder etwas mehr Spielraum zwischen „ganz leicht im Minus“ und „zwei Wochen im Plus“. Das finde ich sehr angenehm – ich mache zur Zeit täglich eine Stunde Plus, weil so viel zu tun ist. Wenn ich das Minus halten müsste, müsste ich jetzt tageweise frei nehmen, das wäre grade gar nicht praktisch. Lieber mache ich Anfang bis Mitte April ein paar Tage Urlaub, wenndie“heiße Phase“ rum ist.

Nach der Betriebsversammlung ist die Kantine überfüllt, also stempele ich aus und laufe zum nächstgelegenen Fastfoodtempel.  Der sollte eher Slowfood heißen, so lahm*rschig wie das Personal dort ist, aber egal. Ich treffe ein paar Kollegen, wir reden über Musik, das Essen und Pläne für den Sommerurlaub.

Zwölf Uhr zwanzig, zurück im Büro. Ich gehe die Röntgenbilder der Aufträge durch bzw. ich fange damit an. Vier mal sechsundzwanzig Teile mit jeweils 11 Aufnahmen, das langweilt mich zu sehr. Zwischendrin lese ich den letzten Monatsbericht meines Chefs (immerhin berichtet er da ja auch über meine Arbeit) und trage ein paar Ausschusszahlen in meine Tabellen ein.
Dabei entdecke ich einen ungewöhnlichen Auftrag: Im Endtest fallen immer etwa ein Prozent der Systeme aus. Aber zehn von dreihundert sind ein bisschen viel des Guten, auch wenn wir seit kurzem schärfer testen als gewohnt und daher mehr Ausschuss haben. Ich schreibe eine  „wisst ihr was darüber?“-Mail an den verantwortlichen Qualitäter und an den, der normalerweise die Ausfallanalysen macht. Der eine weiß noch nix, der andere hat erst später Zeit.

Einige Röntgenbilder später klingelt das Telefon. Ein Logistiker will von mir wissen, wann denn meine Teile fertig wären – er ist aus einem Bereich, der die aktuell laufenden Sachen weiterverarbeitet. Ich schätze eine sinnvolle Zeit ab, und wir legen gemeinsam den Fälligkeitstermin fest. Als er schon auflegen will, werde ich noch einmal hellhörig. Über wie viele Teile reden wir? und wie viele Aufträge? Drei? Sorry, ich hab nur zwei Aufträge in der Pipeline. Ich laufe zu ihm rüber, ich will seine Formulare sehen. Zweihundert kalte und windige Meter später klauben wir seine Zettel auseinander. Zwei der Aufträge gehören mir, der dritte nicht, aber ich weiß, wer sich damit auskennen dürfte. Die Kollegin ist nur vormittags da, das muss er dann morgen klären. Kopien der Formulare meiner Aufträge bekomme ich zum Ausfüllen mit.

Zurück im Büro hat mein Chef am Schreibtisch gegenüber eine Exceltabelle offen und schüttelt nur noch den Kopf. Ein Kunde von uns will uns als Lieferanten bewerten, und dafür muss die Firma viele, viele Fragen beantworten. Und  ein Herr F. aus dem Sales Germany, Master of Science, Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH) hat meinen Chef als einen derjenigen auserkoren, die ihm Fragen beantworten dürfen. Leider hat er übersehen, dass „Lean“ auch nur ein Buzzword ist, hinter dem sich verschiedenste Inhalte verstecken. Mein Chef kennt sich mit einem Teil davon aus, gefragt ist ein anderer.
Wir ziehen kurz in Erwägung, die Liste wegzuwerfen oder weiterzuverteilen, aber mein Chef erbarmt sich dann doch und telefoniert mit dem Herrn Master of Science, Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH). Mit den richtigen Ansprechpartnern klappts vielleicht auch mit dem Kunden.

Kaum bin ich zurück über meinen Röntgenbildern (passt…. passt….. passt auch, nächstes Teil. Passt…. passt….. passt auch, nächstes Teil.),  kommt Kundschaft für meinen Chef. Zwei Entwickler haben Messungen gemacht und wollen wissen, was man aus den Daten alles lernen kann. Ich verkneife mir jede Meinung zu ihrer „erst messen, dann denken“-Strategie. Lieber freue ich mich darüber, dass sie wenigstens kommen und fragen. Sie sitzen und diskutieren zwei Stunden mit meinem Chef. Hinterher haben sie einiges verstanden und dafür tausend neue Fragen von ihm mit nach Hause bekommen. Das kann er gut, auch bei mir und meinen Daten *lach* es ist zwar manchmal lästig, aber immer konstruktiv.

Irgendwann nervt mich die Statistiknachhilfe gegenüber und ich laufe (wieder mal) rüber ins Hauptgebäude zu dem Kollegen,  der jetzt erst Zeit hat. Er hat die Teile analysiert und nichts Besonderes gefunden. Der Auftrag scheint also einfach ein Ausreißer zu sein. Wir entdecken einen möglichen Zusammenhang zwischen einer Ausschussrate in der Fertigung und der Anzahl der Ausfälle in diesem Endtest. Die Stückzahlen sind nicht groß genug, um nachAugenmaß zu sagen „ja, das ist es“. Für eine verlässliche Aussage werde ich die Daten demnächst mal durch mein Statistikprogramm jagen.  Ich weiß noch nicht genau, wie ich das mache, aber da fällt mir schon was ein. Wenn nicht, frage ich meinen Chef, der hat immer noch eine Idee, wenn sie mir ausgehen.
Anschließend quatschen der Kollege und ich uns ein paar Minuten über das Thema Umstrukturierung, Betriebsversammlung und Aussichten der Firma fest. Bevor’s zu destruktiv wird, ziehe ich weiter.

Und täglich grüßt das Murmeltier: ich habe immer noch einen Satz Röntgenbilder. Auch die sind unauffällig, ich laufe also wieder rüber in die Fertigung. Jacke runter, Kittel anziehen, Haube über die Haare, Überschuhe anziehen, ESD-Band aufkleben und in die Schuhe stopfen, testen, obs funktioniert und ab in den Reinraum. Vier mal zwei Unterschriften, und ich sage dem Schichtleiter Bescheid, dass die Aufträge weiterbearbeitet werden können. Die anderen Aufträge sind an der AOI, einer Anlage zur angeblich automatisierten optischen Inspektion von Teilen. Faktisch beschäftigt das Ding mehr Leute als wir vorher für die gleiche Arbeit gebraucht haben. Ich schaue eine Weile dem lustigen Fehlerraten zu, klinke mich dann aber aus. Ein Auftrag dieser Serie steht schon beim nächsten Bearbeitungsschritt, der Bediener dort ist ein alter Bekannter. Er interessiert sich für mein Projekt, und ich erkläre ihm, was an den Teilen so besonders ist. Solche Situationen freuen mich immer. Erstens glaube ich fest daran, dass Menschen ihre Arbeit ernster nehmen, wenn sie verstehen, warum sie sie machen. Und zweitens: wer fragt, will lernen. Das ist bei uns leider auch nicht mehr selbstverständlich.

Kurz vor sechs, ich muss noch eine Mail schreiben und ein paar Unterlagen für morgen zusammensuchen. Der Monatsbericht für Februar ist auch noch nicht geschrieben, das sollte ich morgen endlich mal tun. Heute nicht mehr.

Gegen halb sieben fahre ich den Rechner runter und laufe zur Stempeluhr. Ich rufe kurz den Dr. rer. nat. an, ob ich noch was vom Einkaufen mitbringen soll. Wie immer, eine Packung Eier, drei Becher Joghurt und eine Packung Quark. Ich entscheide mich für den Edeka, dann werde ich endlich das Leergut los, das schon ewig im Kofferraum spazierenfährt. Im Schneesturm schleppe ich die volle Tasche und mich nach Hause.

Das Abendessen fällt eher schlicht aus, aufgebackene türkische Minifladen mit Salami und eine Grapefruitschorle.

Seither liege ich wie erschlagen auf dem Sofa, surfe ein bisschen und schreibe an diesem Monsterartikel.

Der Rest des Abends: weitersurfen und früh ins Bett.

~~~

Ob ich morgen wieder bei der „Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?“-Aktion dabei bin, weiß ich noch nicht. Theoretisch ist morgen abend Training geplant. Der langhaarige Bombenleger hat mich Montag versetzt bzw. seiner Meinung nach habe ich ihn versetzt – leider nicht mehr aufzuklären – und hat ein paar äußerst seltsame SMSen abgelassen. Mal sehen.

Donnerstag gehe ich eventuell mit einer Freundin kaffeetrinken. Das planen wir in einer Kaffeerösterei. Sozusagen erst testen  und dann einen Vorrat mitnehmen 😉

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Ein Gedanke zu “Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

  1. stahldame 12. März 2013 / 21:29

    Irgendwann habe ich auch noch einen Apfel gegessen, einen Kaffee getrunken und einen halben Liter Wasser. So fürs Protokoll.

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