Diverse Formen von „Wie kannst du nur“

Aus gegebenem Anlass unterhalte ich mich zur Zeit regelmäßig mit Kollegen über meine geplante Elternzeit. Primär interessiert die meisten wirklich, wie lange ich noch da bin. Ganz nebenbei werden da aber auch Weltbilder offengelegt.

Variante 1: christlich-konservativer Gutmensch. Zwei Exemplare, beide Ü50, einmal zwei Kinder, einmal 10 (halb und halb eigene und Pflegekinder). „Kinder brauchen ihre Mütter, das kann unmöglich gut für Kinder sein, wenn sie schon als Kleinkinder außer Haus betreut werden.“ Die Herren selbst arbeiten natürlich 40 Stunden pro Woche bzw. als ATler noch mehr.
Variante 2: junge Russin. „Meine Kinder gehen mit einem halben Jahr in die Krippe und ich arbeite wieder ganztags. So bin ich auch großgeworden, und wenn ich länger zuhause bleiben würde, würde ich verdummen.“
Das sind so die beiden Extreme, jede denkbare Schattierung dazwischen gibt es natürlich auch.

[Exkurs: Meine Mutter war zuhause, bis ich (als die jüngere Tochter) etwa 14 war. Danach hat sie eine Vollzeit-Umschulung gemacht und im Anschluss halbtags gearbeitet. Mein Vater hat immer viel gearbeitet, man sah sich morgens und abends jeweils kurz, und am Wochenende war er dann müde oder hat Zeit für sich und seine Interessen gebraucht. So richtig Kontakt mit uns hatte er hauptsächlich im Urlaub und bei Ausflügen.]

Für mich ist der Plan die goldene Mitte: gut ein Jahr ganz zuhause bleiben und dann mit 20 Stunden wieder einsteigen. Ja, dann wird der Zwerg mit einem Jahr in Fremdbetreuung gehen, und das nicht nur für zwei Stunden am Tag, sondern eher 7. Ja, das wird eine Umstellung für den armen Kleinen. Nein, wir brauchen mein Gehalt nicht zum Überleben. Ja, ich bin an dieser Stelle eine Egoistin und sage: Mein Hirn braucht Erwachsenenbeschäftigung. Dieser Job ist genau der Richtige für mich, und den will ich wieder machen. Ja, es wird sicher nicht einfach werden, die Balance zu finden zwischen Kind und Beruf. Ja, mein Mann könnte theoretisch auch Elternzeit nehmen und Stunden reduzieren – das ist aber unsere Sache.

Was mir auffällt: Dieses gefühlte „Wie kann man nur“ kommt fast ausschließlich von den klassischen Familienvätern. Die oben genannte Kollegin aus Beispiel 2 kann andere Positionen stehen lassen. Viele ältere Kolleginnen hätten gerne die Möglichkeiten genutzt, sie selbst waren oft nur halb-freiwillig zuhause, bis das Jüngste mit 3 Jahren in den Kindergarten konnte. Und der Großteil der jüngeren Kolleginnen tickt ähnlich wie ich und sucht nach dem Mittelweg, wo alle Bedürfnisse zählen.

Mal sehen, wie ich in zwei oder drei Jahren über das Thema denken werde und ob ich die Entscheidung im Nachhinein anders treffen würde. Ich habe dem Dr. rer. nat. schon mehrfach angedroht, dass er bei einer eventuellen Nr. 2 die Schwangerschaft übernehmen muss. Wenn das schon nicht klappt, wärs doch eine Idee, dass er das erste Jahr zuhause bleibt?
Schaumermal.

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